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Was den Menschen zum perfekten Läufer macht


Rennender Affe, so könnte man uns salopper Weise bezeichnen. Auch wenn wir nicht vom Affen abstammen, so haben wir aber einen gemeinsamen Vorfahren, der – nach aktuellem Stand der paläontologischen Erkenntnisse – eine affenähnliche Kreatur war und sein Leben überwiegend auf Bäumen verbrachte.

In der Linie der Hominiden entwickelte sich über die Spezies des Australopithecus, der als erster Geher bezeichnet wird, unser Vorfahr, der homo erectus. Dieser erste vorwiegend aufrecht gehende Mensch, war auch ein hervorragender Läufer. Ausgestattet mit langen Beinen, einem aufrechten Torso, einem seitlich orientierten Becken, schmalen Hüften, kurzen, schlanken Armen und einzigartigen Füßen.

Er war der erste Jäger, der nicht mehr, wie seine Vorfahren im dichten Urwald lebte. Vor ca. 2 -3Mio. Jahren hatte sich seine Heimat Ostafrika schon zu einer Grasssavanne gewandelt. Homo erectus hatte noch keine Waffen. Sehr wahrscheinlich jagte er mit einer viel einfacheren Methode: der Hetzjagd. Seine Beute waren vorzeitliche Gnus, Antilopen und andere Vierbeiner. Da sich diese Tiere hauptsächlich durch Hecheln abkühlen, fangen diese Arten nach einiger Zeit im Dauergalopp an zu überhitzen oder sie müssen eine Pause zum Hecheln einlegen. Der Moment in dem homo erectus sein Beute erlegen konnte. Interessanterweise können wir ohne Probleme in genaue diesem Tempo laufen, bei dem viele dieser Vierbeiner schon in den Galopp übergehen müssen, was für sie anstrengender ist und sich ihr Körper schneller erhitzt. Durch diese Jagdmethode konnte der Mensch nun viel eiweißreiche, tierische Nahrung bekommen. Wir entwickelten uns weiter, die Jagdtechniken verfeinerten sich und die Evolution brachte den wohl erfolgreichsten Langstreckenläufer dieses Planeten hervor: Homo sapiens.

Bis heute ist sehr Vieles an uns dafür ausgelegt ausdauernd weite Strecken gehen und laufen zu können. Auch wenn wir nicht mehr zum Leben und Überleben laufen müssen, steckt in jedem von uns noch dieser Superläufer. Genauso wie in einem Hund, auch nach unzähligen Kreuzungen noch immer ein  Wolf steckt, der Bewegung braucht.

 

 

Die wichtigsten Merkmale:

 

Schultern

Die Schulterpartie des Menschen ist natürlicherweise im Vergleich zum Schimpansen schmal, da wir unsere Arme nicht oder nur wenig zum klettern und hangeln nutzen müssen. Das macht sie sehr mobil und gibt unseren Armen die Möglichkeit durch eine kontralaterale Bewegung die Rotation des Beckens auszugleichen und unseren Rumpf somit automatisch gerade zu halten.

Schweißdrüsen

Für uns modernen Menschen ist die Funktion vor allem im Sommer einfach nur lästig. Evolutionär gesehen ist sie aber eine der Wichtigsten: das Schwitzen. Die Fähigkeit unseren Körper auch bei anhaltender Anstrengung, ausreichend Kühlung zu verschaffen ist ein klarer Selektionsvorteil. So konnten wir stundenlang laufen ohne zu überhitzen. Nicht mal trinken mussten wir, denn unser Wasservorrat reichte für viele Stunden auch unter körperlicher Belastung. Der Mensch besitzt ca. 2-4 Mio Schweißdrüsen, was uns zur einzigen Spezies auf diesem Planeten macht, die auch bei hohen Temperaturen und in der Mittagssonne stundenlang laufen kann. So konnten wir sehr wahrscheinlich auch ohne Waffen, große Tiere jagen und sogar zu Tode hetzen.

vestibuläres System

Der Vestibularapparat ist ein komplexes System aus Röhren, Flüssigkeiten, festen Körperchen und Sinneszellen, der sich in unserem Mittelohr befindet. Durch dieses (Mess)Instrument können wir Beschleunigungen und Richtungen bestimmen. Es ist eines der zentralen Sinnesorgane für unsere Fortbewegung. Außerdem hält es den Körper in Balance.

Metabolismus

Unser Stoffwechsel ist dazu prädestiniert Energie in Form von Fett zu speichern. Diese Energiereserven werden bis zu einem gewissen Grad gleichmäßig am Körper verteilt, wodurch sich der Schwerpunkt des Körpers kaum verändert und die Balance des Bewegungsapparates nicht beeinflusst wird. Während unserer Parade-Disziplin, dem Ausdauer-Lauf, verbrennt der Körper hauptsächlich Fett, also unsere Reserven. Diese reichen erstaunlich lang. So kann ein normal schlanker Mensch, energetisch gesehen, jederzeit einen Marathon laufen. Auch wenn er dabei viel schwitzt kann er diese Distanz und sogar noch längere zurücklegen, ohne Wasser von außen aufnehmen zu müssen. Und das selbst bei großer Hitze. So kommt es tatsächlich bei Volksläufen eher zu Problemen, weil die Sportler zu viel trinken und nicht, weil sie dehydriert sind. Richtig gefährlich kann es sogar werden, wenn sich durch die hohe Wasserzufuhr Ödeme bilden.

Gesäß

Man könnte meinen, dass unser Hintern so prächtig ausgeprägt ist damit wir bequem sitzen können. Das Gegenteil ist aber der Fall. Der Gluteus maximus ist unser größter Muskel und das nicht ohne Grund. Er ist der wichtigste Stabilisator in der menschlichen Laufbewegung. Er befähigt uns den Rumpf beim Laufen und auch beim Sprinten aufrecht zu halten. Profi-Sprinter habe daher auch meist ein so ausgeprägtes Exemplar. Beim Gehen spielt die Gesäßmuskulatur eine eher kleine Rolle.

Nackenband

Säugetiere lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: Geher und Läufer. Die Geher, z.B. Schweine oder Primaten, haben kein Nackenband, da ihr Kopf nicht stabil gehalten werden muss. Läufer, wie Hund oder Pferd, besitzen hingegen eines. Und es gibt noch eine Spezies mit einem ausgesprochen starken Nackenband: den Menschen. Ohne dieses elastische Band, dem ligamentum nochae würde unser Kopf nach unten fallen, denn es verbindet ihn mit den Schultern und Armen. Setzt unser Fuß in der vorwärtsgerichteten Bewegung auf, zieht der Arm auf der Gegenseite das Band nach unten und hält den Kopf somit stabil. Nur mit diesem Merkmal können wir – sogar ohne zusätzlichen Energieaufwand – während des Laufens unsere Umwelt beobachten, fokussieren, Situationen und Hindernisse bewerten.

Achillessehne

Einzigartig für unsere Spezies ist auch unsere größte und stärkste Sehne im Bewegungsapparat: die Achilles-Sehne. Ohne sie geht im wahrsten Sinne nichts mehr. Das weiß jeder, der schon einmal die schmerzhafte Erfahrung eines Risses oder einer Zerrung dieses, auch als Symbol für unsere körperliche Schwachstelle geltenden Körperteils erleiden musste.
Die beim Menschen, im Vergleich zu anderen Primaten, relativ lange Achillessehne wirkt beim Gehen wie eine Feder die geladen und kann den Fuß beim Abstoßen, wie bei einem Katapult nach vorne „schießen“. Noch effektiver arbeitet dieses System in der natürlichen Laufbewegung, die vom Prinzip her einer Sprungbewegung ähnelt. Dabei kommt der Fuß zuerst mit dem Vorfuß und dann mit der Ferse auf. Somit wird die Achillessehne alleine durch die Erdanziehung, also ohne Energieaufwand beim Aufsetzen wie eine Sprungfeder geladen. Die absorbierte Energie kann dann bis zu ca. 50% wieder abgegeben werden. Einer der Gründe, warum der Mensch ein so ökonomischer Läufer ist.

Kopfpartie

In der Kopfhaut unseres hinteren Schädels findet sich ein feines Ader-Geflecht, das überschüssige Wärme an die Luft abgeben kann. Vermutlich dient es als effektives zusätzliches Kühlsystem. Dies passiert allerdings nur dann, wenn es benötigt wird. Die Theorie, dass wir über unseren Kopf Wärme “verlieren” ist jedoch ein Mythos, der auf ein Arktis-Experiment zurückgeht, heute aber nicht mehr gehalten werden kann. Bei kalten Temperaturen werden Füße, Hände und Kopf eher kalt, einfach weil sie weit vom Rumpf entfernt sind und der Körper seine inneren Organe schützt.

Knie

Unser kräftiges Knie kann einen Teil der Energie aufnehmen, die beim Aufsetzen entsteht wenn wir gehen und laufen. Die Auflagefläche ist entsprechend groß, wobei dieses System nur funktioniert wenn unser Knie natürlich und gleichmäßig belastet wird. Rotation und Scheerbewegungen, wie sie in vielen Sportarten üblich sind, schaden unserem Knie eher.  Schaut man sich den Menschen von vorne hat, so stellt man fest, dass die Knie nicht direkt in einer Linier unter dem Hüftgelenk liegt, sondern etwas nach medial, also etwas weiter zu Körpermitte hin liegen. Dies ermöglicht dem Menschen, dass er auf einem Bein stehen kann. Affen können dies nicht und würden umfallen. Wir haben dadurch aber die Fähigkeit auf zwei Beinen zu laufen. Denn beim Laufen befindet sich immer nur ein Bein in Kontakt mit dem Boden.

Unterarme

Unsere dünnen Unterarme können leicht schwingen und unterstützen die Balance. Durch ihr geringes Gewicht ist es ohne großen Kraftaufwand möglich sie in einer beim Laufen optimalen 90º-Position zu halten.

Rumpf

Bei vielen Vierbeinern schwappen die Organe beim Laufen wie Wasser in einer Badewanne vor und zurück. Dabei wird Luft aus der Lunge gepresst und wieder eingezogen. Alle Vierbeiner können nur einen Atemzyklus pro Schritt machen. Der Mensch ist fähig, unabhängig vom Pulsschlag zu atmen, denn er kühlt seinen Körper nicht wie die meisten Säugetiere über die Atemluft, sondern primär über den Schweiß. Der beste “wassergekühlte Motor”, den die Natur hervorgebracht hat.

Fuss

Dieses architektonische Meisterwerk der Evolution besitzt allein 26 Knochen, also ca. ein Viertel aller Knochen des menschlichen Körpers. Eine Vielzahl an Bändern, Muskeln bilden die zwei einzigartigen Bögen: das Quer- und das Längsgewölbe, die den Fuß extrem anpassungsfähig, gleichzeitig aber stabil und elastisch machen. Durch eine enorme Dichte an Nervenenden, die gleich der Anzahl unserer Händen ist, machen ihn zum wichtigsten Berührungspunkt mit der Erde. Er bildet unser Fundament auf dem wir stehen, gehen und laufen. Beim Laufen absorbiert allein das Fußgewölbe 15 % der Energie des Aufpralls, weitere 37 % nimmt das Fußgelenk auf.

Zehen

Vor allem die Funktion des großen Zehs ist für unsere Fähigkeit, aufrecht zu stehen, zu gehen und zu laufen von großer Bedeutung. Er ist stabilisierender Anker und spielt eine enorme Rolle für Funktionsfähigkeit des Fußes und die gesamte Körperstatik. Zugleich ist er der letzter Berührungspunkt den wir mit dem Boden haben, wenn wir uns Fortbewegen. Ein schwacher großer Zeh ist nicht selten für Haltungsschäden, Fehlstellungen und Fehlbelastungen verantwortlich.

Unsere kleinen Zehen sind, wie ihr Name schon verrät, klein. Wären unsere Zehen so lang wie bei einem Affen, würden sie unter den hohen Kräften, die beim laufen auftreten permanent brechen. Wir benötigen unsere Füße nicht mehr als Greifwerkzeug. Daumen und lange Greiffinger wurden zu einem nach vorne orientierten Laufinstrument.

->WORKSHOPS
->AUSBILDUNGEN
->COACHING

 

Quellen:

Aiello, L & Dean, C. An Introduction to Human Evolutionary Anatomy. 1990.

Bennett Ker, R. F.;, M. B.; Bibby, S. R.; Kester, R. C.; Alexander, R. Mcn. The spring in the arch of the human foot. 1987.

C. Owen Lovejoy. The natural history of human gait and posture Part 1. 2005.

Campbell Rolian et al.. Walking, running and the evolution of short toes in humans. 2009.

Daniel E. Lieberman et al.. Foot strike patterns and collision forces in habitually barefoot versus shod runners. 2010.

Daniel E. Lieberman. The Story Of The Human Body. 2015.

David A. Raichlen. The Laetoli footprints and early hominin locomotor kinematics. 2007.

Dennis M. Bramble & Daniel E. Lieberman. Endurance running and the evolution of Homo. nature 2004.

Dudley Joy Morton. Evolution of the Human Foot. 1922.

Dudley Joy Morton. The Human Foot. 1920.

Jungers, WL. Relative joint size and hominoid locomotor adaptations with implications for the evolution of hominid bipedalism.1988.

Robert F Ker et al.. The spring in the arch of the human foot. 1995.

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